Vor über 550 Jahren vollendete Endres Tucher (1423–1507) sein Baumeisterbuch. Es gibt uns noch heute spannende Einblicke in den Alltag der mittelalterlichen Großstadt Nürnberg. Mehr dazu zeigt die AusstellungBaustelle Nürnberg, die vom 4. Dezember 2025 bis 25. Mai 2026 im Germanischen Nationalmuseum zu sehen ist.

Abb. 1 Unbekannter Künstler, Gotischer Röhrenbrunnen, Federzeichnung auf Papier, koloriert, Nürnberg, 1449(?) (Foto: Germanisches Nationalmuseum, HB1482)

Eines der dort ausgestellten Objekte ist die Zeichnung eines alten Brunnens. Die Wasserversorgung war eine der zahlreichen Aufgaben des Stadtbaumeisters. Lange war unklar welcher Brunnen genau auf der Zeichnung zu sehen ist. Jetzt haben meine Recherchen im Rahmen der Ausstellungsvorbereitung an der Universität Bamberg Licht ins Dunkel gebracht. In zwei Seminaren unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Huth und Florian Abe M.A., die ich im Sommersemester 2025 und im Wintersemester 2025/2026 besucht habe, konnte ich folgendes herausfinden: Anders als bisher dargestellt, handelt es sich bei dem abgebildeten Springbrunnen mit großer Wahrscheinlichkeit um den Vorläufer des heute noch bekannten Gänsemännchen-Brunnen. Dessen Brunnenfigur eines Bauern mit zwei Gänsen in den Armen gilt in der Kunstgeschichte als einer der bekanntesten deutschen Renaissancebronzen. Sie stand bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts am Obstmarkt in Nürnberg – hinter der Frauenkirche – in direkter Sichtweite zum Schönen Brunnen am Hauptmarkt. Heute befindet sich die Kleinplastik des Gänsebauern wenige Meter weiter nordwestlich, im Hof des Neuen Rathauses. Über die Urheberschaft und genaue Datierung des Gänsemännchen(-Brunnen) ist die Fachwelt bis heute uneins.

Abb. 2 Unbekannter Künstler/Verlag Rudolf Schuster Berlin, historische Fotografie des Gänsemännchen-Brunnen am Obstmarkt in Nürnberg, im Hintergrund der Schöne Brunnen am Hauptmarkt, Aufnahme vor 1945, Heliogravüre, Heidelberg, Universitätsbibliothek (Heidelberg, Graph. Slg. A_0212)

Ähnlich unklar, geradezu widersprüchlich, war die Informationslage zum historischen Brunnenblatt HB1482 zu Beginn meiner Recherchen im Seminar zur Ausstellung Baustelle Nürnberg. Der Online-Objektkatalog des Germanischen Nationalmuseums sprach vom »Brunnen am Maxplatz« und auf dem Blatt selbst steht die Inschrift »schön prunnen« – was auf zwei vollkommen unterschiedliche Orte hinweist, die etwa 300 Meter voneinander entfernt sind: Der Maxplatz liegt nördlich der Pegnitz und grenzt im Westen direkt an die Stadtmauer, das heute als Schöner Brunnen bekannte Werk dagegen steht auf dem Hauptmarkt im Zentrum der Altstadt. Daher erschien es mir zwingend notwendig den Sachverhalt aufzuklären, um nicht nur den Besucher:innen der Ausstellung eine verbindliche Aussage über die Brunnenzeichnung zu geben. Dass dabei auch eine Verbindung zum Gänsemännchen-Brunnen offenbart wird, war anfänglich noch nicht abzusehen.

 

Die Brunnenzeichnung HB1482­­

Am Anfang meiner Untersuchung stand eine eingehende Analyse der Zeichnung selbst, ihrer Herkunft und Objektgeschichte in der Sammlung des Museums. Auf dem etwa DIN-A4 großen Blatt befindet sich die Federzeichnung eines gotischen Röhrenbrunnens mit einer handschriftlichen Erläuterung. Der Brunnengestaltung liegt ein gleichseitiges Sechseck zu Grunde. Auf einem flachen Sockel ruht ein breiter Trog, in dem sich das fließende Wasser sammelt. Auf einer etwas breiteren Basis streckt sich mittig der kannelierte Schaft nach oben und endet in einer geschmückten Spitze. Stiltypisch gotische Schmuckformen, wie Zinnen, Krabben, Fialen, Abhänglinge und Kreuzblumen bilden sich dort mannigfaltig aus. Am Säulenschaft befindet sich zusätzlicher Figurenschmuck. Zwei auf Konsolen sitzende Löwen lassen aus ihren Mäulern das Wasser in breitem Strahl in den Trog fließen. Ein Löwenkopf schmückt als flaches Relief die Brunneneinfassung. Die Zeichnung ist rötlich koloriert. Der tierische Figurenschmuck setzt sich gräulich ab. Ganz unten ist zu lesen: »Diß ist der erste schön prunnen, welcher ist gemacht \ und angefangen wordten im 1449 jar.«

Weitere Angaben zur Entstehungszeit oder eine Ortsangabe fehlen. Die Zeichnung befindet sich seit mindestens 155 Jahren im Germanischen Nationalmuseum.1 Im alten, handschriftlichen Inventarbuch der Graphischen Sammlung heißt es dazu nur: »[HB]1482. Ein alter Brunnen (erste Form \ des Schönen Brunnens zu Nürn- \ berg?) Federzeich[nun]g, color[iert] 16.J[ahrhundert]«.2

Wie die zeitliche Einordnung ins 16. Jahrhundert begründet ist, geht aus dem Eintrag nicht hervor. Interessant ist, dass offensichtlich schon früh Zweifel am Bezug zum Schönen Brunnen bestanden.

Ein kurzer Vergleich der Jahreszahlen bestärkt diese Zweifel. Der Schöne Brunnen am Hauptmarkt wird gegen 1396 in seiner heute noch bekannten Form fertiggestellt. Damit kann der gotische Röhrenbrunnen von Zeichnung HB1482 unmöglich 53 Jahre später (1449) als dessen Vorgänger errichtet worden sein. Es muss offensichtlich noch andere »schöne Brunnen« in Nürnberg gegeben haben.

 

Welcher Brunnen ist der »schöne«?

Über Jahrhunderte waren Straßen- oder Platznamen nicht exakt festgeschrieben. Sie erschlossen sich meist aus dem stadträumlichen Kontext und veränderten sich nach Gewohnheit im Laufe der Zeit.

Dies gilt auch für Nürnberg, wo sich einheitliche, verbindliche Bezeichnungen erst im frühen 19. Jahrhundert durchsetzten. Auch die heute als Haupt- und Obstmarkt bekannten, miteinander verbundenen Zentralplätze, verfügten 460 Jahre lang über unterschiedliche Namen – Grüner Markt, Herrenmarkt, Gänsemarkt oder Mehlmarkt waren nur einige. Dabei meinte jeder Begriff meist nur eine bestimmte Zone innerhalb der großen Gesamtfläche, die weit bis in angrenzende Straßenzüge reichte. Der heutige (um ein Drittel größere) Obstmarkt östlich der Frauenkirche war bis ins 19. Jahrhundert eigentlich nur in seiner nördlichen Hälfte als Obstmarkt bekannt. Für die südliche Hälfte ­– in etwa auf Höhe der Kirche – waren die Bezeichnungen Mehlmarkt und später auch Gänsemarkt geläufig.

Ähnlich verhält es sich mit den Brunnennamen. Der deutsche Historiker Johann Heinrich von Falckenstein alias Ioanis ab Indagine erläuterte um 1750 am Beispiel eines Brunnens am Maxplatz, dass das Attribut »schön“ nicht einem einzigen Nürnberger Brunnen allein zustand.3 Endres Tucher selbst nutzt zum Beispiel eine Kapitelüberschrift mit dem Titel »Von dem schonn prunnen am marckt […]« (fol. 106r) – und weil das offenbar noch immer zu unspezifisch war, folgt direkt die lokale Ergänzung in die nordwestliche Ecke des Platzes: »[…] pei der wechssell.« Damit meint Tucher den heute noch bekannten Schönen Brunnen am Hauptmarkt.

Sprechen wir also heute von eben diesem Schönen Brunnen, herrscht Konsens über den Ort. In historischen Texten und Quellen zeigt sich aber, dass weder »schön« (Brunnen) noch »Markt« eindeutig verortete Begriffe sind. Um sie besser zu verstehen, müssen sie stärker im Kontext ihrer Entstehungszeit betrachtet werden.

 

Vom »Roren Heintz« aus Gostenhof

Ebenso wichtig für meine Recherchen ist die Auseinandersetzung mit den technischen Voraussetzungen zum Bau eines Röhrenbrunnens, den Blatt HB1482 eindeutig darstellt. Der Anschluss an eine Wasserleitung ist dafür zwingend notwendig. Kommen wir hier noch einmal auf den Onlinekatalog-Titel »Brunnen am Max-Platz« zurück. Dieser geht sehr wahrscheinlich auf ein Missverständnis Rudoph Bergaus von 1871 zurück.4 Der Autor kam zu dem Schluss, der gotische Röhrenbrunnen auf Blatt HB1482 müsse einst als Vorgängerbau zu jenem Brunnen am Maxplatz gestanden haben, der dort 1687 errichtet worden war und ebenfalls als »schöner Brunnen« bezeichnet wurde.5 Technisch möglich waren Springbrunnen dort aber erst, nachdem 1667 das Pumpwerk der nahen Nägeleinsmühle errichtet und eine Leitung zum Platz gelegt worden war. Damit ist eine Verortung des gotischen Brunnens auf Blatt HB1482 am Maxplatz allein technisch nicht denkbar.

In seinem Baumeisterbuch listet Endres Tucher alle weiteren Röhrenbrunnen in der Sebalder Stadthälfte auf (fol. 125v–127r). Einer davon sei hinter der Frauenkirche am heutigen Obstmarkt gelegen (fol. 109v) – in direkter Sichtweite zum Schönen Brunnen, von welchem er auch gespeist werde. Weiter heißt es: »das wasser geet also auf in zweien außgeenden rören […] und fellet in den trock doselbst hinter unser lieben frawen cappellen« (fol. 110r).  Diese Beschreibung stimmt tatsächlich mit der Zeichnung auf Blatt HB1482 überein: Das Wasser fällt auch hier durch zwei Rohre, die aus den Mäulern der Löwenfiguren ragen, in ein Brunnenbecken. Endres Tucher bezieht sich hier also höchstwahrscheinlich auf den dargestellten Röhrenbrunnen.

Abb. 3 Unbekannter Künstler, Titelblatt der Beschreibung der Brunnen und Röhren in Nürnberg (Röhrenmeisterbuch) von Heinrich Scharpf, 1459, Federzeichnung auf Pergament, koloriert (Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg, Will I 23b)

Zudem dürfte Tucher der Brunnen nicht nur aus dem Stadtraum vertraut gewesen sein, sondern er dürfte auch dessen Bild mehrfach in den Händen gehalten haben: Eine annähernd identische Darstellung zu jenem auf Blatt HB1482 ziert nämlich das Titelblatt des Röhrenmeisterbuches des Heinrich Scharpf von 1459. Tucher war mit dieser Schrift bestens vertraut und hat sie nahezu wortgleich in sein Baumeisterbuch übernommen. Es ist anzunehmen, dass die Titelzeichnung dieses Brunnens noch auf Heinrich Scharpf aus Gostenhof – auch »Roren Heintz« genannt – zurückgeht. Möglicherweise zeigt sie ein wichtiges Brunnenprojekt aus dessen langjähriger Amtszeit. Dank der genauen Auflistungen in den Handschriften von Endres Tucher und Heinrich Scharpf wird klar, dass ein Standort des Brunnens hinter der Frauenkirche auch aus technischen Gründen in Frage kommt, weil dort eine Wasserleitung vorhanden war und sich Tuchers bauliche Beschreibung im Baumeisterbuch mit Blatt HB1482 decken.

 

Weitere Bild- und Textquellen

Die von mir vorgeschlagene neue räumliche Verortung des Brunnens auf Blatt HB1482 am Obstmarkt östlich der Frauenkirche unterstützen auch zahlreiche historische Darstellungen Nürnbergs, die ich im Zuge meiner Recherche systematisch ausgewertet habe.

Abb. 4 Georg Nöttelein, Grundriss der Stadt Nürnberg (Ausschnitt Marktplatz und Obstmarkt), 1553–1555, Federzeichnung auf Papier, koloriert (Stadtarchiv Nürnberg, A4 IV 50)

Einer der ältesten Stadtpläne Nürnbergs ist eine Grundrisskarte Georg Nötteleins im Stadtarchiv Nürnberg von 1553–1555. An der bei Tucher und Scharpf beschriebenen Stelle – hinter der Frauenkirche – ist auf diesem Plan deutlich ein polygonaler Baukörper zu erkennen. Seine Umrisse ähneln stark dem gotischen Röhrenbrunnen der Zeichnung HB1482.

Abb. 5 Wolf Jacob Stromer, Grundriss der Stadt Nürnberg (Ausschnitt), ca. 1564–1595, Federzeichnung auf Papier, Goldhöhungen und -schrift (Staatsarchiv Nürnberg, Archiv der Freiherrn Stromer von Riechenbach, Bd. 15, fol. No.4, Foto: Ivo Bertschy, 2025)

Auch Endres Tuchers späterer Nachfolger als Ratsbaumeister Wolf Jacob Stromer (1561–1614) verfasste einige Baumeisterbücher. Diese lagern heute im Staatsarchiv Nürnberg. In Buch I befindet sich eine weitere handgezeichnete Karte Nürnbergs aus dem 16. Jahrhundert. Ganz deutlich zeigt auch sie eine sechseckige Struktur östlich der Frauenkirche – diesmal sogar mit klar erkennbarer spitzer Brunnensäule.6 Der Plan zeigt Nürnberg vor dem großen Hochwasser von 1595, da noch die alte zweibogige Fleischbrücke zu sehen ist. Die vier Rundtürme der Stadtmauer sind bereits vorhanden. Da der Tugendbrunnen vor St. Lorenz aber fehlt, kann die Entstehungszeit nicht weiter als auf 1564–1595 eingegrenzt werden. Die Karte könnte etwa um 1589 zum Amtsantritt Wolf Jacob Stromers entstanden sein.7

Abb. 6 Hans Pezolt, Becherpokal der Freiherrn von Stromer (Ausschnitt der Cuppa), Cuppa um 1598 (Fuß und Deckel später rekonstruiert), Silber vergoldet, getrieben, graviert und ziseliert (Stromersche Kulturgut- Denkmal- und Naturstiftung, Foto: Stromersche Kulturgut- Denkmal- und Naturstiftung, 2011)

Ein weiteres Mal taucht der gotische Röhrenbrunnen von Blatt HB1482 auf dem Pokal der Freiherrn von Stromer um 1598 auf.8 Laut der Familienüberlieferung habe Baumeister Wolf Jacob Stromer ihn als Auszeichnung nach Fertigstellung der Fleischbrücke erhalten.9 Den Becherpokal schmücken vorwiegend Szenen zum Brückenneubau.10 Darunter sind unterschiedliche öffentliche Gebäude der Stadt zu sehen: Kaiserburg, Frauentorturm, Zeughaus und der gotische Röhrenbrunnen mit der Jahreszahl 1449. Dies legt einen Bezug zum Brunnenblatt HB1482 nahe. Insgesamt können die Bauten als Sinnbilder für die vielseitigen Aufgaben des Baumeisters verstanden werden, die auch die Ausstellung Baustelle Nürnberg beleuchtet: Organisation der Kaiserbesuche, Wartung und Verwaltung der Stadttore, öffentliche Ordnung und Sicherheit und Wasserversorgung.11 Da alle gezeigten Gebäude um 1598 der damaligen Gegenwart entstammten, ist anzunehmen, dass der gotische Röhrenbrunnen damals auch noch bestand.

Nach 1600 wird die Quellenlage in den Karten und Bildwerken unklarer. So ist im Braun‘schen Prospekt von 1608 am Obstmarkt zwar ein Brunnen erkennbar, aber mit runder Schale und Gitter. Ob es sich hierbei um eine realistische Darstellung oder ein Symbol handelt, wie bei Kartenwerken oft üblich, ist unklar. Dass hier die bereits eingangs beschriebene Gänsemännchenfigur aus Bronze Aufstellung fand, ist nicht erkennbar.

Abb. 7 Unbekannter Künstler, Grundriss der Stadt Nürnberg (Ausschnitt), um 1614, Federzeichnung auf Papier auf Leinwand (Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg, A I 3, Foto: Ivo Bertschy, 2025)

Dagegen ist der handgezeichnete Stadtplan in der Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg A I 3 in seiner Brunnendarstellung spezifischer. Er zeigt direkt hinter der Frauenkirche ebenfalls einen polygonalen Brunnentrog. Bis jetzt galt diese Zeichnung als »einer der ältesten Stadtpläne von Nürnberg« um 1564.12 Die genauere Betrachtung zeigt jedoch, dass er wohl um 1614 entstand, da die zu diesem Zeitpunkt fertiggestellte Wöhrder Torbastei bereits eingezeichnet ist.

Abb. 8 Unbekannter Künstler, Grundriss der Stadt Nürnberg (Ausschnitt), um 1614, Federzeichnung auf Papier auf Leinwand (Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg, A I 3, Foto: Ivo Bertschy, 2025)

Aber ab wann verdichten sich die Hinweise, dass sich am heutigen Obstmarkt – einst bekannt als Gänsemarkt – statt eines gotischen Springbrunnens, den das Blatt HB1482 darstellt, ein frühneuzeitlicher Brunnen mit Gänsen befand? Einer der frühesten schriftlichen Quellen ist ein Ratsverlass (Erlass) vom 18. Juni 1621.13 Hier ist explizit vom »Ganßbrünlein« (Gänsebrünnlein) die Rede, das durch private Mitbenutzung seiner öffentlichen Wasserleitung keinen Nachteil bei der Versorgung erlangen solle.

Ein weiterer früher Bezug zu Brunnen und Gänsen findet sich in Müllners Analen von 1623, in denen er die Wasserzufuhr des Brunnens am Obstmarkt nun als »Genßleitung« (Gänseleitung) bezeichnet.14 Hier zeigt sich anschaulich, wie sich mit der veränderten Gestaltung auch ein Brunnenname in der frühen Neuzeit verändert. Der Referenzpunkt hat sich von dessen Nähe zur Frauenkirche – dem »trock doselbst hinter unser lieben frawen cappellen«, wie es bei Endres Tucher heißt – hin zum Gestaltungselement des profanen Gänsebauern verschoben.

Es zeigt sich, dass ein sechseckiger Brunnen hinter der Frauenkirche noch weit nach Baumeister Endres Tucher und Röhrenmeister Heinrich Scharpf fortbestand. Erste Indizien einer Veränderung – hin zu einem Gännse(männchen)-Brunnen – finden sich erst nach 1600, schriftliche Hinweise sogar erst in den frühen 1620er Jahren. Die Frage, ob zu diesem Zeitpunkt auch die heute so bekannte Bronzeplastik ihre Aufstellung fand, muss derweil noch offenbleiben.

Abb. 9 Unbekannter Künstler, Brunnenfigur des Gännsemännchens im Hof des Neuen Rathauses in Nürnberg, um 1600 (?), Bronze gegossen, Digitalfotografie, Nürnberg 2024 (Foto: B. Leuthold)

Zusammenfassung

Durch meine Recherchen für die Ausstellung Baustelle Nürnberg, die mich unter anderem durch Endres Tuchers Baumeisterbuch und historisches Bildmaterial des Nürnberger Stadtraums in Karten, Zeichnungen und Gravuren führten, stellten sich zwei wesentliche Erkenntnisse heraus: erstens, dass es sich bei der Brunnenzeichnung HB1482 wohl tatsächlich um einen realen Nürnberger Brunnen handelte. Und zweitens, dass es sich bei diesem Brunnen weder um den »Schönen Brunnen« am Hauptmarkt noch einen Brunnen am Maxplatz handelte, sondern einen Brunnen, der östlich der Frauenkirche am heutigen Obstmarkt (historisch auch Gänsemarkt genannt) stand. Dessen Nachfolger wiederum ist der heute noch bekannte Gänsemännchen-Brunnen. Über einen Zeitraum von etwa 150 Jahren tauchte die markante sechseckige Brunnenform von Blatt HB1482 immer wieder auf den unterschiedlichsten Bildträgern auf. Erst um 1600 verlaufen sich seine Spuren und es kommen neue (Orts)Namen seines historischen Aufstellungsortes östlich der Frauenkirche auf, die auf ein verändertes Äußeres des dort befindlichen Brunnens deuten.

Da die genaue Entstehung der bronzenen Brunnenskulptur des Gänsemännchens noch immer ungeklärt ist, kann dieser Blog-Beitrag vielleicht neue Impulse zu deren Datierung geben.15 Ein Ansatz dabei könnte die genauere Auseinandersetzung mit der Arbeit der städtischen Ratsbaumeister um 1600 sein. Die oben aufgeführten Indizien zur Veränderung des gotischen Röhrenbrunnens verdichten sich erst im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts – also in der Amtszeit Wolf Jacob Stromers und seiner Nachfolger. Schon bei Endres Tucher wird vor über 550 Jahren deutlich, wie sehr »ein paumeister«, neben den zahlreichen anderen Aufgaben, auch die öffentlichen Brunnen stets »[…] in gutter acht haben [soll]« (fol. 164v).

 

  1. Vgl. Bergau, Rudolf: Der Schöne Brunnen zu Nürnberg, Berlin 1871, S. 31. Auf der Rückseite des Blatts finden sich die Sammlungsstempel des Hans von und zu Aufseß (Lugt 5084) und der des GNM (Lugt 1076); vielen Dank für diesen Hinweis durch die Mitarbeiter:innen der Graphischen Sammlung des GNM im August 2025. []
  2. Nürnberg; GNM: Inventarbuch der Grafischen Sammlung, Bd. Historischen Blätter HB1–8830, Eintrag »HB1482«, unveröff., o. S. []
  3. Vgl. ab Indagine, Ioanis: Beschreibung von Nürnberg, Erfurt 1750, S. 454, zitiert in: Bergau 1871, S.32. []
  4. Vgl. Bergau, Rudolf: Der Schöne Brunnen zu Nürnberg, Berlin 1871, S. 11, 31f. []
  5. Vgl. ab Indagine, Ioanis: Beschreibung von Nürnberg, Erfurt 1750, S. 454, zitiert in ebd., S. 32. []
  6. Vielen Dank an Herrn Dr. Burger, Leiter des Staatsarchivs Nürnberg, für diesen Hinweis. []
  7. Fleischmann, Peter: Rat und Patriziat in Nürnberg – die Herrschaft der Ratsgeschlechter vom 13. bis zum 18. Jahrhundert, Bd. 2: Ratsherren und Ratsgeschlechter, Neustadt a. d. Aisch 2008 (= Nürnberger Forschungen – Einzelarbeiten zur Nürnberger Geschichte, Bd. 31), S. 960f. []
  8. Germanisches Nationalmuseum (Hrsg.): Nürnberger Goldschmiedekunst 1541–1868, Bd. 1/ Tl. 1, Nürnberg 2007, S. 305. []
  9. Vgl. Stromer von Reichenbach, Ernst von: Unsere Ahnen in der Reichsstadt Nürnberg 1250 bis 1806, Nürnberg 1951, S. 25–29. []
  10. Vgl. Sporhan-Krempel, Lore u. Stromer, Wolfgang von: Wolf Jacob Stromer 1561–1614 Ratsbaumeister zu Nürnberg, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg Bd. 51, 1962, S. 302–311. []
  11. Ausst.-Kat. Nürnberg 2000: Norenbec – Nürnberg 1050 bis 1806, (Ausst.-Kat. Nürnberg, Kaiserburg), hrsg. v. d. Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, München 2000 (= Bd. 41), S. 132. []
  12. Tiggesbäumker, Günther: Die handgezeichneten Karten und Pläne der Stadtbibliothek Nürnberg, Nürnberg 1988 (= Beiträge zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg Bd. 23), S. 12. []
  13. Nürnberg; Stadtarchiv: StadtAN B 1/II Nr. 2168, (= Ratsverlass zum Kauf einer Wassergerechtigkeit für Obstmarkt 2, 18. Juni 1621, fol.2), online via Toporaz. []
  14. Müllner, Johannes: Die Analen der Reichstadt Nürnberg von 1623, Tl. 2 Von 1351–1469, hrsg. v. Hirschmann, Gerhard, Nürnberg 1984 (=Bd. 11 Quellen zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg), S. 43. []
  15. Vgl. Söding, Beatrize: Hans Peisser und die Nürnberger Bronzeplastik, München 2023, S. 323–331. []