Abb. 1 Hans Süß von Kulmbach, Epitaph des Dr. Lorenz Tucher, Nürnberg 1513, St. Sebald.

Besuchenden begegnet beim Betreten der Nürnberger Sebalduskirche eine Vielzahl an spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Objekten – Gedächtnisbilder, Altaraufsätze, Skulpturen und Totentafeln. Eines der bekanntesten Werke der ehemaligen Rats- und Hauptpfarrkirche ist das dreiteilige »Epitaph für Dr. Lorenz Tucher«. Geschaffen von Hans Süß von Kulmbach (um 1480–1522), befindet es sich hier im nördlichen Chorumgang. Als »Epitaph« im eigentlichen Sinne wird eine Sterbeinschrift bezeichnet, die an die verstorbene Person erinnert. Das Gedächtnisbild für Dr. Lorenz Tucher ist demnach ein »Bildepitaph« – ein Totengedächtnismal mit Inschrift und Bildwerk. Seine Form ist für Nürnberg einzigartig: Durch seine dreigeteilte Form und das Bildprogramm erinnert es an einen beweglichen Altaraufsatz. Mit einer Gesamtgröße von 151 × 529,5 cm ist das Gedächtnisbild das größte seiner Art, das für eine Nürnberger Kirche angefertigt wurde. Anlass für diesen Beitrag ist der Todestag des Dr. Lorenz Tucher, der sich am 25. März zum 523 Mal jährt. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wer war diese Persönlichkeit, für die man das »größte und anspruchsvollste gemalte Epitaph in Nürnberg«1 anfertigte?

 

Abb. 2 Porträt des Lorenz I. Tucher im Großen Tucherbuch, 1590-1606 (Leihgabe der Tucher Kulturstiftung im Stadtarchiv Nürnberg, E29 III 258, fol. 65r).

Lorenz I. Tucher – Patrizier, Propst und Gelehrter

Dr. Lorenz Tucher (*1447) beschritt einen Lebensweg, der angesichts seiner Herkunft aus einer der führenden Familien der herrschenden Oberschicht Nürnbergs nicht unbedingt nahe lag. Im Gegensatz zu seinem Bruder Hans IX. (1452–1521) und seinem Halbbruder Martin I. (1460–1528), die den Kaufmannsberuf erlernten und Mitglieder des Rates der Stadt wurden, schlug er eine akademische Richtung ein und ging zum Studium der Rechte nach Italien. Im Anschluss studierte Lorenz ab 1462 die Freien Künste an der Universität Leipzig und ab 1470 Theologie und Kirchenrecht in Basel, wo er zum Doktor promoviert wurde. Im Anschluss an sein Studium übernahm Lorenz ein Kanonikat an der ehemaligen Propstei Felicis und Regulae zu Zürich und später ein Domherrenamt in Regensburg.

 

Abb. 3 Werkstatt Michael Wolgemut, Stifterscheibe des Lorenz Tucher, Nürnberg 1485 (Germanisches Nationalmuseum, MM811).

Seine bedeutendste Position erreichte Lorenz I. Tucher hingegen 1478 in seiner Heimatstadt mit der Berufung zum Propst der Nürnberger Lorenzkirche. Die Pröpste der Sebaldus- und der Lorenzkirche stellten die höchsten kirchlichen Ämter in der Stadt und waren mit der Verwaltung der geistlichen Güter und der Ausübung der Gerichtsbarkeit in ihren Propsteien betraut. Für die Besetzung der Stelle schlug der Rat der Stadt Lorenz I. Tucher vor, da die beiden Vorgänger nach nur wenigen Monaten im Amt verstorben waren. Die Berufung nahm er am 2. Juli 1478 an und verblieb anschließend 18 Jahre auf dieser Stelle.2 Die beiden Pfarrein St. Lorenz und St. Sebald befanden sich erst ein dreiviertel Jahr vor der Amtsübernahme durch Lorenz im Rang einer Propstei. Lorenz war damit der erste Propst der Lorenzkirche, der dieses Amt über einen längeren Zeitraum ausübte.

Die Amtszeit als Propst verlief für Lorenz I. Tucher nicht völlig problemlos. Begleitet wurde sie wurde von lang andauernden Streitigkeiten um die Besetzung seiner Stelle. Begründet waren diese vermutlich durch das zweimal hintereinander in Anspruch genommene Präsentationsrecht des Rates der Stadt. Dieses Vorschlagsrecht für die Ämterbesetzung in den ungeraden, »nicht päpstlichen«, Monaten in den beiden Nürnberger Hauptpfarrkirchen hatte der Rat 1474 vom Papst zugesprochen bekommen. In den geraden, »päpstlichen«, Monaten lag das Präsentationsrecht weiterhin beim Bamberger Bischof, dem die beiden Kirchen unterstanden.3 Rechtlich bestätigt wurde Lorenz I. Tucher als Propst der Lorenzkirche 1481 durch Papst Sixtus IV. (1414–1484). Im selben Jahr nahm man ihn auch in die Heilig-Geist-Bruderschaft in Rom auf. Vermutlich begründet durch die weiterhin anhaltenden Spannungen um die Ämterbesetzung trat Dr. Lorenz Tucher 1496 von seinem Amt als Propst zurück. Anschließend zog er nach Regensburg, wo er sich auf die Stelle als Domherr und Kustos in der Peterskirche konzentrierte, die er auch während seiner Zeit als Propst der Lorenzkirche behalten hatte.4

Abb. 4 Grabteppich des Lorenz Tucher mit Heiligem Laurentius und Stifterbildnis, südliche Niederlande, um 1490/1500 (Bayerisches Nationalmuseum, T 3794).

 

Der fromme Geistliche – Stiftungen des Dr. Lorenz Tucher

Vom Aussehen des ehemaligen Propstes können wir uns dank seiner zahlreichen Stiftungen ein genaueres Bild machen. Auf der rechten Tafel des »Epitaphs für Dr. Lorenz Tucher« befindet sich die wohl bekannteste Darstellung des ehemaligen Propstes: gekleidet in typischem Ornat eines Chorherrn inmitten der Heiligen Laurentius und Petrus. Das Große Tucherbuch nennt Lorenz I. Halbruder Martin I. als Stifter des Bildepitaphs, der dieses zum Gedenken an den verstorbenen Propst in Auftrag gegeben haben soll. Dr. Lorenz Tucher trat aber auch selbst als Stifter in Erscheinung. Für die Lorenzkirche in Nürnberg und die Michaeliskirche in Fürth stiftete er jeweils eine Scheibe für ein Glasfenster. Die Fürther Scheibe ist bis heute erhalten und wird im Germanischen Nationalmuseum verwahrt. Zu sehen ist der vor einem Lesepult kniende Dr. Lorenz Tucher. Die Glasscheibe für die Lorenzkirche ist nicht mehr erhalten. Ihr Aussehen ist allerdings in einer Beschreibung des 18. Jahrhunderts und als Zeichnung in den sogenannten Tucherschen Monumenta überliefert. Beide Glasscheiben zeigen Lorenz Tucher in ähnlicher Haltung und Kleidung und mit der Jahreszahl 1481 versehen. Diese bezieht sich nicht auf das Entstehungsjahr der Scheiben, sondern auf das Jahr der offiziellen Bestätigung Dr. Lorenz I. Tuchers als Propst. Neben der Tafel- und Glasmalerei findet sich die Darstellung des Dr. Lorenz I. Tucher als kniender Stifter auch auf einem Grabteppich im Bestand des Bayrischen Nationalmuseums. Einen solchen Teppich legte man an Jahrtagen – Gedenktage des oder der Verstorbenen – auf das Grab im Kirchenraum, um ihn feierlich zu überschreiten.

Kunstwerke wie diese, die von Mitgliedern der Familie Tucher gestiftet wurden, sind bis in die heutige Zeit hinein in großer Zahl erhalten. Man denke an den Englischen Gruß von Veit Stoß, den Anton II. Tucher 1524 stiftete, das Bildepitaph für Barbara Tucher (1485) als Stiftung Hans VI. oder den sogenannten »Tucher-Altar«, der sich heute in der Frauenkirche befindet. Möglich wurde die jahrhundertelange Wahrung dieser Kunstwerke vor allem durch die bedeutendste Stiftung des Dr. Lorenz Tucher: die Dr. Lorenz Tucher’sche Familienstiftung von 1503.

Abb. 5 Stifterscheibe des Lorenz Tucher in den Tucherschen Monumenta, Nürnberg, 1700-1937 (Leihgabe der Tucher Kulturstiftung im Stadtarchiv Nürnberg, E29/II, 1610, S. 32).

Die Dr. Lorenz Tucher’sche Stiftung

Die bis heute bestehende Dr. Lorenz Tucher’sche Stiftung ist eine der ältesten noch aktiven Familienstiftungen in Deutschland. Ihr zu verdanken ist der gute Erhaltungszustand und die Vielzahl der bewahrten Objekte aus den Nürnberger Kirchen mit Bezug zur Familie Tucher. Dabei änderte sich der Zweck der Stiftung bereits im Laufe des 16. Jahrhunderts.

In seinem Testament verfügte Dr. Lorenz Tucher zunächst, nach Abzug noch ausstehender Kosten, die Teilung seines Vermögens. Ein Teil sollte für karitative Zwecke genutzt und ein zweiter als Grundstock für die Gründung einer Familienstiftung verwendet werden. Die Vollstreckung des Testaments übernahmen die Brüder des verstorbenen Propstes, Hans IX. und Martin I. Durch geschickte Investitionen und Zustiftungen weiterer Familienmitglieder wuchs das Stiftungskapital bis zum Ende des 16. Jahrhunderts erheblich an. Auf Anregung der Familienmitglieder wurden mit dem vermehrten Vermögen Güter und Herrensitze, wie beispielsweise das Gut Simmelsdorf, als Kapitalanlage erworben.

Abb. 6 Schloss Schoppershof, Sitz der Dr. Lorenz Tucher’schen Stiftung und der Tucher Kulturstiftung.

Ein entscheidender Schritt im Wandel des Stiftungsauftrags vollzog sich während einer Sitzung der Familienstiftung 1565. Ihre Mitglieder bestimmten die Nutzung eines Teils des Stiftungskapitals für die dauerhafte konservatorische Betreuung, Restaurierung und Vermehrung der zahlreichen seit dem 14. Jahrhundert von einzelnen Familienmitgliedern in Kirchen gestifteten Kunstwerke.5 Dies bedeutete eine vermehrte Investition in kulturelle Zwecke. Ab diesem Zeitpunkt bemühte sich die Familienstiftung um die Wahrung und Pflege der Objekte in den Kirchen: Sie finanzierte Restaurierung, Renovierung und Neuanschaffung von Kunstwerken und kümmerte sich um deren Dokumentation in Bild und Schrift.6

Das Gedächtnisbild für Dr. Lorenz Tucher – Symbol für die Wahrung des kulturellen Erbes

Abb. 7 St. Sebald, Stiftungskomplex mit Blick auf Epitaph Lorenz Tucher (Foto: Adrian Bahr).

Mit dem Gedächtnisbild von Hans Süß von Kulmbach setzte die Tucher-Familie Dr. Lorenz Tucher 1513 ein Monument, das bis heute besteht. Aufgrund seiner besonderen Form, Größe und der Anlehnung an venezianische Renaissancemalerei nach einem Entwurf Albrecht Dürers, stand das Epitaph häufig im Interesse kunsthistorischer Forschung. Gleichzeitig erinnert es aber auch an den ersten Propst der Lorenzkirche in Nürnberg, der das Amt über viele Jahre ausüben konnte. Trotz anhaltender Streitigkeiten mit der Diözese Bamberg um die Besetzung der kirchlichen Ämter in den beiden Hauptpfarrkirchen St. Sebald und St. Lorenz verblieb Lorenz I. Tucher 18 Jahre in dieser Position. Bedeutender scheint heute seine Funktion als Begründer der Dr. Lorenz Tucher’schen Stiftung, die sich seit dem 16. Jahrhundert um die Pflege, Bewahrung und Erweiterung der sich in den Kirchen befindenden Objekte kümmert. Diesem Engagement ist es zu verdanken, dass eine Vielzahl an spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Objekten die Jahrhunderte überdauerten und in Museen, Kirchen und Archiven für die Öffentlichkeit und Wissenschaft zugänglich sind. Fortgeführt wird diese Tradition heute durch die 2012 gegründete Tucher Kulturstiftung. Unterstützt von der seit 1503 bestehenden Dr. Lorenz Tucher’schen Stiftung trägt sie dazu bei, Forschung als wesentlichen Bestandteil von Wahrung und Pflege des familiären Erbes zu fördern.

  1. Gerhard Weilandt: Die Sebalduskirche in Nürnberg, 2007, Kat. 12/IV.2b.4, S. 700. []
  2. Vgl. Wilhelm Schwemmer: Dr. Lorenz Tucher († 1503) und seine Familienstiftung, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 63, 1976, S. 131–144, S. 131f. []
  3. Zur (kirchen)rechtsgeschichtlichen Entwicklung der beiden Hauptpfarrkirchen Vgl. v.a. Siegfried Reicke: Stadtgemeinde und Stadtpfarrkirchen in Nürnberg im 14. Jahrhundert. Eine rechtsgeschichtliche Untersuchung, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 26, 1926, S. 1–110. []
  4. Vgl. Schwemmer 1976, S. 132. []
  5. Schwemmer 1976, S. 136. []
  6. Siehe den Blog-Beitrag von Birgit Schübel zu den »Tucherschen Monumenta«. []